Die frühen Jesuiten und die Kirchenreform
P. John O'Malley SJ
P. Klaus Mertes SJ (Übersetzung)
1. "Kirchenreform"
In einem Zeitalter, in dem die politischen, intellektuellen und religiösen Führer andauernd und lautstark "Kirchenform" forderten, sprachen die Jesuiten vergleichsweise selten von ihr. Von Zeit zu Zeit tauchte der Begriff in Texten aus dem jesuitischen "Hauptquartier" in Rom auf. Dort bedeutete er dann zunächst einmal die Reform der päpstlichen Kurie. Ignatius, Polanco, Laínez und die anderen Jesuiten der ersten Generation kannten natürlich auch seinen weiteren Bedeutungsgehalt, aber sie glaubten wie so viele ihrer Zeitgenossen, daß die "Reform des Hauptes" die unverzichtbare Vorbedingung für die "Reform der Glieder" war.
Es sind vor allem zwei Gründe, die die Zurückhaltung der frühen Jesuiten zu diesem Thema bewirkten. Erstens äußerten sie nicht gerne und deswegen nur selten Kritik an der Kirche oder den Kirchenführern - vornehmlich in Situationen, in denen man eine positive Wirkung erwarten konnte, entsprechend der Regel im Exerzitienbuch: "Wie es also Schaden bringt, in Abwesenheit über die Vorgesetzten schlecht zum einfachen Volk zu reden, so kann es Nutzen bringen, von den schlechten Gewohnheiten zu denjenigen selbst zu sprechen, die ihnen abhelfen können."
Der zweite Grund reichte tiefer, ging ins Grundsätzliche. In Wirklichkeit sahen die Jesuiten "Kirchenreform" nicht als ihre eigentliche Sorge an - so wie sie und ihre Zeitgenossen diesen Begriff verstanden. Wenn die Jesuiten in diesem Zusammenhang über Kirche sprachen, so meinten sie die institutionellen Strukturen der Kirche - Papsttum, Bischöfe, Pfarreien. Sie selbst wollten in diese Strukturen gar nicht eingebunden sein - auch dann nicht, wenn es keine Skandal oder Mißstände dort gegeben hätte. Ämter brachten nämlich Benefizien mit sich, und das widersprach grundsätzlich ihrer Lebensform. Deswegen war die Veränderung von kirchlichen Prozeduren und Strukturen nicht ihr Herzensanliegen. Es ging ihnen um Reform im weiteren Sinne, die persönliche Bekehrung und den geistlichen Fortschritt der Menschen im Sinne der Exerzitien. Doch gerade dieses letztere wurde im 16. Jahrhundert mit dem Stichwort "Kirchenreform" nicht assoziiert.
2. Apokalyptische Visionen und Gefühle
Einige Zeitgenossen von Ignatius und Canisius waren der festen Überzeugung, daß sich die Kirchenreform als Erfüllung apokalyptischer Vorhersagen ereignen werde. Die Jesuiten blieben von solchen Spekulationen völlig unberührt, ebenso wie von der Idee, daß es auf die Ankunft eines langerwarteten "engelgleichen Papstes" ankäme, der die Dinge wieder in Ordnung bringen würde. Einige spanische Jesuiten einschließlich Franz Borja hatten sich früher einmal für Prophezeiungen um einen papa angelicus empfänglich gezeigt, wie sie ihnen durch den visionären Franziskaner Juan Texeda vermittelt worden waren. 1549 sprach Ignatius das Thema in einem langen Brief an Borja an und bewertete solche Visionen als "sehr suspekt".
Führende Personen des sechzehnten Jahrhunderts, unter ihnen auch Luther, glaubten, daß das Ende der Welt nahe bevorstand. Sie klagten immer wieder und ausführlich über ihre Zeit: alles liege hoffnungslos am Boden, es sei sicherlich die schlimmste Zeit, die die Welt jemals gesehen habe. Diese Gefühle scheinen wesentlich für die Gemütslage eines jeden "Reformers" im 16. Jahrhundert gewesen zu sein. In seinem riesigen schriftlichen Nachlaß findet sich bei Ignatius kein Wiederhall solcher Gefühle. Das selbe gilt für die anderen führenden Jesuiten der ersten Jahrzehnte, auch für Canisius.
Natürlich waren die Jesuiten schockiert und empört über gewisse Vorfälle in der Kirche - über die Käuflichkeit der päpstlichen Kurie, über den heruntergekommen Zustand des katholischen Klerus in Deutschland, über die religiöse Ignoranz. Doch anders als ihre Zeitgenossen äußerten sie selten allgemeines Entsetzen über ihre Zeit oder über den Gesamtzustand des Katholizismus. Diese Besonderheit paßt zu der pragmatischen und unbefangenen Weise, wie sie auf die Dienste in der Seelsorge zugingen, und zu ihrem grundsätzlichen Optimismus bezüglich der menschlichen Natur.
3. Kritik an und in Rom
In Rom prangerten die Jesuiten manchmal die Übel, die zu beheben waren, öffentlich an. Am besten erhalten ist uns ein ein Text von Laínez von 1558. Darin greift er das "sündige Rom" an. Manches von seiner Kritik traf direkt auf Kirchenleute zu - daß sie Benefizien auf Benefizien häuften, "hinter Würden und Ehrentiteln" herhetzten "und sich mit Bischofstühlen und Kardinalspurpur bereicherten". Nachdem sie Bischof, Kardinal oder Papst geworden seien, warte zum Abschluß ihrer Karriere die Hölle auf sie - so die Warnung von Laínez. Er konnte noch deutlicher werden. "(Prälaten werden reich durch Benefizien) auf Kosten des gekreuzigten Herrn - wie sie sagen. Glaubt ihr, daß Gott das will? Nein! Ein Mann sorgt dafür, daß er Bischof wird. Ein anderer dafür, daß er Papst wird; einige machen es mit Hilfe Frankreichs, andere mit Hilfe Spaniens. Und was tun sie? Sie wählen den Papst. Manchmal wählen sie einen guten Mann - wie jetzt, aber meistens wählen sie den schlechtesten Kandidaten. Ach, Gott will das nicht, aber er läßt es zu."
Diese Kritikpunkte zielten auf die bekanntesten Mißstände ab. Sie finden sich so und ähnlich auch in der Korrespondenz von Canisius. Spätestens 1563 waren Laínez und Nadal, und mit einigen Einschränkungen auch Polanco und Canisius, davon überzeugt, daß die "Reform" am besten vom Papst selbst in Angriff genommen werden sollte. Allerdings hatten sie nicht die Illusion, daß diese Aufgabe einfach und ihr Erfolg sicher sein würden.
4. Das Konzil von Trient
Es war natürlich das Konzil von Trient, auf das sich der Blick richtete, wenn es um "Kirchenreform" ging. Zwei Jesuiten - Laínez und Salmerón - erhielten eine offizielle Beauftragung als Theologen für die erste Konzilsperiode 1545-47. Auf Geheiß des Bischofs von Augsburg, Otto Truchseß von Waldburg, stieß Jay als sein Prokurator in Genf hinzu. Kurz vor dem heiß umstrittenen Umzug nach Bologna 1547 erschien Canisius gleichfalls im Auftrag von Truchseß. (Übrigens: Canisius ermahnte den Augsburger Kardinal mehrfach, seiner Präsenzpflicht in seinem Bistum nachzukommen, als sich dieser sich 1568 nach Rom begab und bis zu seinem Tode 1573 nicht mehr aus Rom wegbewegte.)
Ignatius gefiel offensichtlich die Achtung der neugegründeten Gesellschaft Jesu, der in diesen Berufungen zum Ausdruck kam. Er schickte Anfang 1547 den Mitbrüdern in Trient eine Instruktion zu, wie sie sich dort verhalten sollten. Sie spiegelt Konsens und Praxis unter den ersten Jesuiten wieder.
Der erste Teil empfahl den Mitbrüdern, sie sollten bescheiden sein, wenn sie ihre eigene Meinung äußern; sie sollten den Standpunkt anderer mit Respekt anhören, immer beide Seiten des Problems im Auge behalten und erwägen und immer dem möglicherweise besseren Anliegen eines anderen Achtung entgegenbringen. Der zweite Teil der Instruktion wies die Mitbrüder an, sie sollten in Trient weiterhin die consueta ministeria, die üblichen seelsorglichen Dienste der Jesuiten, ausüben - predigen, Katechismus unterrichten, Exerzitien geben, Kranke und Arme besuchen "und ihnen, sofern es möglich ist, eine kleine Gabe mitbrinden". Ignatius bezeichnete diese Tätigkeiten für ihn als den Hauptgrund für die Präsenz der Jesuiten in Trient. Der dritte Teil betraf den Lebensstil und die Leitung der Jesuiten. Sie sollten sich jeden Abend treffen, um die Erfahrungen des Tages zu besprechen, eine Tagesordnung für den nächsten Tag entwerfen und Maßnahmen ergreifen, wenn sie etwas falsch gemacht hatten.
Bemerkenswert ist nicht nur, was in dieser Instruktion steht, sondern auch, was in ihr fehlt. Ignatius verliert kein einziges Wort über die großen Anliegen des Konzils. Offensichtlich vertraute er dem Urteil der Mitbrüder vor Ort. Sie waren für ihn jedenfalls eher Vermittler als Vorkämpfer einer bestimmten kirchenpolitischen Option des Ordens. Falls die Mitbrüder in Trient ein Konzept hatten, dann stammte es sicherlich nicht aus dem Hauptquartier des Ordens in Rom.
Bereits am 3. Juli 1547 schrieb Ignatius den drei Mitbrüdern wieder und stellte ihnen die Frage, ob es für sie nicht doch der größeren Ehre Gottes entspreche, sich von dem Konzil zurückzuziehen, um sich andersorts den ueta ministeria zu widmen. Salmerón antwortete, sie seien bereit, zu tun, was Ignatius für das beste halte - selbst aber seien sie einhellig der Meinung, daß sie in Trient bleiben sollten. Ignatius willigte ein. Bevor sich das Konzil vertagte, versetzte Ignatius allerdings Jay auf Anfrage des Herzogs Ercole d´Este nach Ferrara - offensichtlich ohne dabei darauf zu achten, daß das Konzil Priorität haben sollte.
Diese relative Distanz zum Konzil ist typisch für das Verhalten der Jesuiten auch in den späteren Konzilsperioden. Zwar kam das Anliegen einer Anerkennung der Gesellschaft Jesu durch das Konzil für sie bei späteren Sitzungen hinzu. Doch ansonsten findet das Konzil in der Korrospendenz der Jesuiten im Vergleich zu seiner Bedeutung wenig Erwähnung - was nicht bedeutet, daß die Jesuiten, die auf dem Konzil waren, dort wenig Einfluß ausübten.
Die Gründe für die nachgeordnete Bedeutung des Konzils aus der Perspektive der Jesuiten dürften jedoch klar sein: Die Jesuiten, die niemals daran zweifelten, orthodoxe Katholiken zu sein, wußten, daß die Lehrdekrete des Konzils mit Blick auf die Protestanten verfaßt wurden. Obwohl sie natürlich in Übereinstimmung mit den Dekreten predigen und lehren wollten, sahen sie sich nicht als Adressaten der Lehraussagen des Konzils an. Im übrigen sahen sie ihre Hauptaufgabe eben nicht in "Kirchenpolitik", sondern in den consueta ministeria, den seelsorglichen Tätigkeiten: Predigen, Katechese, Beichthören, Exerzitiengeben, Werke der Barmherzigkeit.
5. Jesuiten und Bischöfe
Es ist bekannt, daß Ignatius alle Hebel in Bewegung setzte, wenn das Ansinnen an Mitbrüder gerichtet wurde, im Dienste der Reform selbst Bischöfe zu werden. Es gelang ihm durch zähes Ringen zu verhindern, daß Jay auf Wunsch von König Ferdinand Bischof von Triest wurde; oder Canisius Bischof von Wien; oder Borja und Laínez Kardinäle. In den Satzungen des Ordens sicherte er die Gesellschaft Jesu von höchster Stele gegen solche Ernennungen ab. Jesuiten als Bischöfe - jedenfalls dort, wo katholische Hierarchien bereits etabliert waren - widersprachen der "Vorgehensweise" des Ordens, der Ablehnung von Ehren und Benefizien, der Mobilität im Dienste der seelsorglichen Tätigkeiten. Nichtsdestoweniger ließen sich die Jesuiten oft von Bischöfen für "Reform" engagieren. In diesen Fällen meinte der Begriff bei den Jesuiten etwas anderes als "Kirchenreform", selbst wenn sie offensichtlich damit zusammenhing. "Reform" bedeutete, daß die Jesuiten den diözesanen Klerus ausbildeten und motivierten, Weihekandidaten prüften und auf andere Weise mithalfen, Disziplin und Moral in den diözesanen Strukturen wiederherzustellen.
Wenn die Jesuiten von einem Bischof in einer Diözese aufgenommen wurden, dann folgte daraus beinahe unvermeidlich eine solche Zusammenarbeit. Sie war so charakteristisch für die Jesuiten, daß sie eigentlich in der Liste der consueta ministeria eigens erwähnt werden müßte. Obwohl die Jesuiten nur in wenigen Fällen ernste Schwierigkeiten mit örtlichen Bischöfen hatten, versuchten sie doch eher, mit ihnen im Hinblick auf "Reformen" zusammenzuarbeiten - aber Reformen, die mit "unsere Weise des Vorangehens" in Einklang standen. Das bedeutete, gerade auch im Blick auf den großen Kollegien-Gründer in Deutschland, Petrus Canisius, daß sie nicht einfach nur in die typischen Reforminstitionen des Konzils, zum Beispiel das "Tridentinische Seminar" einordneten, sondern die Institutionen bevorzugten, die unter ihrer eigenen Leitung standen - vor allem eben die Kollegien.