Canisius-Predigt 2002
Gottes Weg mit den Menschen beginnt oft mit einem Schmerz. Es kann ein äußerer oder ein innerer Schmerz sein - etwas jedenfalls, das ich nicht haben will; woran ich allein schon erkennen kann, das es nicht aus meinem Willen stammt.
Es kann ein Schmerz über eine ungerechte Behandlung sein, über die ich nicht hinwegkomme. Es kann ein Schmerz über eine Ungerechtigkeit sein, die einem anderen Menschen angetan wird, die mich nicht in Ruhe lässt. Es kann das Entsetzen darüber sein, dass in meiner Klasse oder in meiner Familie etwas Schlimmes passiert; ich versuche es zu vergessen, aber ich kann es nicht vergessen. Es kann eine Gewalttat sein, deren Zeuge ich bin und die mich bleibend beunruhigt: Wie kann es sein, dass Menschen einander so etwas antun? Die Frage lässt mich nicht mehr los. Es kann ein Zustand in der Gesellschaft, in der Kirche, in der Welt sein, mit dem ich mich nicht abfinden kann - das Bild eines überfrachteten Flüchtlingsschiffes, ein Fernsehbericht über eine Hungerkatastrophe, ständig neue Nachrichten über Gewalt und Bluttaten im Heiligen Land oder anderswo. Wieso ist die Welt so, wie sie ist? Muss sie immer so bleiben?
Der Schmerz ist mein Schmerz, nicht der Schmerz der anderen. Das erhöht das Schmerzvolle des Schmerzes. Der Schmerz macht einsam. Ich komme nicht zur Ruhe und frage mich, ob ich noch richtig ticke, weil ich mich nicht beruhige. Alle gehen zum Alltag über, nur ich kann es nicht. Ich versuche, den Schmerz in der Zerstreuung zu vergessen, im Alkohol, im Vergnügen, durch einen überfüllten Terminkalender, aber es will mir nicht gelingen. Ich verstehe mich selbst nicht, weil ich anders fühle als die anderen. Alle sehen das Unrecht, aber es regt sie nicht auf. Alle sehen die Gewalttat, aber sie zucken resigniert mit den Schultern: "So ist eben die Welt." Ich frage mich selbst dasselbe wie das, was mich meine Freunde fragen: "Übertreibst Du nicht ein bisschen? Wer so ist wie Du, ist nicht lebenstüchtig. Beruhige Dich, das Leben geht weiter." Ich versuche, dem guten Rat zu folgen, aber es gelingt mir nicht.
Auch Canisius' Weg mit Gott beginnt mit einem Schmerz. "Allgemein gesprochen möchte ich sagen, dass man unter den heutigen Deutschen vergebens nach einem praktischen Interesse an der Religion sucht. Der Gottesdienst der Katholiken ist so ziemlich auf das Halten einer ohne alle Begeisterung vorgetragenen Predigt an Festtagen beschränkt. Wie selten besucht ein Mann die Kirche oder die heilige Messe oder bekundet durch irgendein äußeres Zeichen, dass er noch Freude hat am alten Glauben. Die Lage ist danach, einen, der sie ernstlich erwägt, das Herz still stehen zu lassen." Canisius leidet unter dem Bild, das die Kirche bietet. Er kann sich nicht beruhigen, dass ausgerechnet die Kirche dieses Bild des Jammers bietet. Warum gibt es ausgerechnet in der Kirche so wenig Glauben? Warum verdunkelt ausgerechnet die Kirche den Blick auf das Evangelium und auf Jesus? Warum ist das alles so freudlos, was in ihr geschieht? Die Kirche sollte doch zum Glauben führen - statt dessen ist die Kirche immer mehr der Grund dafür, dass die Leute nicht glauben! Sie redet nicht von Gott, "Gott" ist nur noch ein leeres Wort in ihr, dahinter stehen ganz andere Interessen.
Wenn man einen Schmerz hat, den man nicht los wird, dann gibt es nichts Schöneres, als einem Menschen zu begegnen, der den Schmerz versteht, den man hat. Ein Freund oder eine Freundin. Es muss nicht unbedingt sein, dass ein solcher Mensch sagt: "Ich verstehe Deinen Schmerz." Das haben schon viele gesagt (um mich zu trösten, um sich zu entlasten? Es klang jedenfalls immer so formelhaft, so bemüht, beinahe ein bisschen verzweifelt!). Vielmehr ist ein solche Mensch in gewisser Weise auch die Antwort auf den Schmerz. Er versteht den Schmerz wirklich, ohne dass er es mir sagen müsste. Ich lerne durch diesen Menschen überhaupt erst verstehen, was es im Kern ist, worunter ich leide. Ich verstehe also durch ihn meinen Schmerz besser, mich selbst besser. Und ich erhalte eine Hoffnung, die sich auf diesen Schmerz bezieht: Es muss nicht so sein, wie es ist!
So ein Mensch war im Leben von Canisius der Jesuit Peter Faber. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Jesuitenordens und war nach Mainz gekommen. Canisius fuhr von Köln den Rhein hinunter und lernte ihn kennen. Dazu berichtet er: "Ich machte eine gute Reise nach Mainz und fand zu meiner großen Freude den Menschen, den ich suchte, wenn er überhaupt ein Mensch und nicht ein Engel Gottes ist. Niemals habe ich einen gelehrteren und gründlicheren Theologen gesehen oder gehört, noch irgendeinen Menschen von so leuchtender Heiligkeit. Sein heißestes Verlangen ist es, in Verbindung mit Christus am Heil der Seelen zu arbeiten. Obwohl alle seine Worte voll sind von Gott, werden seine Zuhörer doch nie gelangweilt und müde. Ich für meinen Teil kann kaum Worte finden, um Dir zu sagen, wie diese "Geistlichen Übungen" meine Seele und Sinne umgewandelt, meinen Geist mit neuen Strahlen himmlischer Gnade erleuchtet und mich mit neuer Kraft und Stärke erfüllt haben. Die Fülle göttlicher Gnaden strömt sogar auf meinen Leib über und ich fühle mich ganz belebt und in einen neuen Menschen verwandelt."
Bis in das Körpergefühl geht die Erfahrung der Befreiung und Erleichterung. Der Schmerz ist nicht einfach weg, aber ich verstehe besser, worin er eigentlich bestand und besteht, und vor allem: ich sehe, dass es auch anders gehen kann. Es muss nicht sein, dass Religion langweilig ist; dass Gebete immer nur lustlos heruntergerasselt werden; dass Gott nicht erfahren wird; dass die Menschen trostlos dahinvegetieren, dass Seelen keine Hilfe bekommen in ihrer Angst, in ihrer Verwirrung und in ihren Verletzungen; es muss nicht sein, dass sie von dummen und habsüchtigen Priestern in Unmündigkeit und Aberglauben geführt werden; es muss nicht sein, dass die da oben denen da unten sagen: Plappert uns nach und haltet ansonsten die Klappe, denn ihr habt uns nichts zu sagen! Es muss nicht sein, dass das Reden von Gott hohl und leer ist, weil keine wirklich Erfahrung dahinter steckt; glauben besteht nicht darin, sich an eine historische Person von vor 2000 Jahren zu erinnern, sondern darin, dieser Person heute zu begegnen; an die Auferstehung glauben bedeutet nicht nur, Menschen von vor 2000 Jahren zu glauben, dass ihnen der Auferstandene erschienen ist, sondern zu glauben und darauf zu vertrauen, dass er mir auch heute begegnen will wie den Jüngern damals; es ist möglich, dass Gott mir ganz nahe kommt und dass ich aus der persönlichen Erfahrung mit ihm leben und sprechen darf - das ist die Erfahrung, die Petrus Canisius in Mainz bei Peter Faber macht.
Canisius entschloss sich, Jesuit zu werden. Er studierte in Rom, gründete Jahre später zusammen mit einigen anderen Mitbrüdern das erste Kolleg der Jesuiten in Messina und wurde dann nach Deutschland zurückgeschickt - das Land, in dem sein Schmerz entstanden war und das dadurch auch zu seinem Lebensthema wurde. Kurz bevor er nach Deutschland zurückging, hatte er in Rom eine innere Erfahrung, eine Art Tagtraum, eine Vision: "Ich sah vor mir das geöffnete Herz deines Leibes, und du botest mir an, aus ihm zu trinken. Du mein Heiland, du ludest mich ein, Wasser des Heils zu schöpfen aus deinen Quellen. Ich verspürte den großen Wunsch, dass von dort aus Fluten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in mich einströmten. Ich dürstete nach Armut, Keuschheit und Gehorsam. Ich bat dich, mich zu waschen, zu kleiden und auszustatten. Als ich dann wagte, dein liebevolles Herz zu berühren und meinen Durst aus ihm zu stillen, da versprachst Du mir ein Gewand, aus drei Teilen gewebt, geeignet, die Nacktheit meiner Seele zu bedecken. Diese drei Teile des Gewandes bezogen sich ganz und gar auf meine Aufgabe: Es waren der Friede, die Liebe und die Ausdauer. Angetan mit diesem Gewand des Heils hatte ich die Zuversicht, mir werde nichts fehlen, sondern mir werde alles gelingen zu Deiner Ehre."
Das ist die Sprache der eigenen Erfahrung, lebendig, persönlich, nahe. Aus dem Schmerz über die Seelenlosigkeit des religiösen Sprechens in der Kirche ist seelenvolles Sprechen geworden, vertrauter Umgang mit dem Auferstandenen, Berührung mit Gott. Die Fragen nach Gott und die Fragen nach der Kirche haben sich verändert. Es geht nicht mehr nur darum, Traditionen zu erhalten, Riten zu erledigen, Kenntnisse über vergangene Ereignisse wach zu halten. Die Religion hat ihre Würde wieder: Sie darf aus Erfahrung sprechen, sie darf vom gegenwärtigen Gott sprechen, der auch in meinem Leben wirkt, der der heutigen Kirche Lebensgeist einhaucht, der in meinem Inneren zu mir spricht, der mir Freunde und Freundinnen schenkt, mit denen zusammen ich an diesem Wirken Gottes mitwirken darf.
P. Klaus Mertes SJ, Rektor des Canisius-Kollegs