Jesuiten in Berlin
P. Hans-Georg Lachmund SJ
Inhalt
Allgemeines
1. Um 1800 - erste Versuche, in Berlin Fuß zufassen
2. Trotz Jesuitenverbot um 1900 Patres in Berlin
3. Anfänge von St. Clemens
4. Charlottenburg
5. Neuanfang nach dem Krieg: im Tiergarten
6. Die Jahre bis zur Wende (und danach)
6.1 Das Schicksal der Canisiuskirche
6.2 Der Bau des Ignatiushauses
6.3 Das Peter-Faber-Kolleg
6.4 "Jüngster" Standort
7. Eine Bemerkung zum Schluß
8. Anmerkungen
Allgemeines
Die Geschichte der Gesellschaft Jesu in Berlin kann sich nicht vergleichen mit der Historie der großen alten Orden; der Zisterzienser, die das Land urbar machten, ihm Bildung und Kultur brachten; oder mit dem Wirken der Dominikaner und Franziskaner; auch sie haben schon in vorreformatorischer Zeit vor allem in Brandenburgischen Städten ihre Geschichte, und damit auch im alten Berlin.
Die Jesuiten taten sich lange Zeit schwer in und mit dieser Stadt. Erste Kontakte gab es wohl schon vor 1773 - den Anlaß dazu boten geheime Seelsorgeaufträge bei den wenigen Katholiken, die man zum Militärdienst in die preußische Armee gezwungen hatte.(1) 1773 ist jenes Jahr, in dem unter Papst Klemens XIV. der Bau der Hedwigskirche erfolgte. Es ist der gleiche Papst, der im gleichen Jahr auf Druck vor allem der französischen Bourbonen und der Portugiesen die Gesellschaft Jesu aufhebt. Weil die russische Zarin Katharina und König Friedrich II. von Preußen in ihren Ländern das päpstliche Aufhebungsdekret nicht veröffentlichen, kann der Orden in diesen Ländern weiterbestehen, in Preußen wenigstens noch für ein paar Jahre. Aufschlußreich eine Notiz aus der königlichen Kanzlei, die man zu diesem Ereignis in den Quellen findet. Danach schrieb Friedrich II: "Ich meines Teils rechne es mir zur Ehre an, die Trümmer dieses Ordens in Schlesien aufzubewahren, so sehr ich auch ein Ketzer bin. Mit der Zeit wird man in Frankreich die Verbannung dieses Ordens empfinden, und in den ersten Jahren wird die Erziehung der Jugend darunter leiden. [...] Wenn Sie es verlangen, will ich Ihnen beweisen, daß bei der Vertreibung nur Eitelkeit, geheime Rachsucht, Kabalen und endlich Eigennutz alles getan haben. Nicht so die ehrlichen Jesuiten und Patres, für welche ich nun einmal eine verwünschte Zärtlichkeit hege." (2)
1. Um 1800: erste Versuche, in Berlin Fuß zu fassen.
Der König erlebte es nicht mehr, wie 35 Jahre später Patres aus der "Genossenschaft vom Glauben Jesu" (so nannten sich Jesuiten nach dem päpstlichen Eingriff von 1773) den Versuch unternahmen, mitten in der Stadt, in der Linienstraße 109, ein Knabenkonvikt zu eröffnen. Durch 2 Dokumente im Preußischen Staatsarchiv wird das belegt.(3) Da sie sich von der preußischen Bürokratie zu sehr gegängelt fühlten, folgten sie vier Jahre da nach biblischem Rat, schüttelten den Staub von den Füßen und zogen an einen anderen Ort, nämlich in die Niederlande.1814 wird der Orden zwar wiederhergestellt; doch es wird noch fast 50 Jahre dauern, bis zwei Jesuiten, diesmal allerdings mit offizieller Einladung des Propstes von St. Hedwig, sich einen Monat lang in Berlin aufhalten und eine Volksmission predigen. Das war im Mai 1858. 15 Jahre später bricht der "Kulturkampf" aus: am 4.7.1872 wird das "Jesuitengesetz" erlassen:
- Jesuiten und ihnen verwandte Orden werden aus dem Reich ausgewiesen,
- ihre Niederlassungen werden aufgelöst,
- Ausländer können ausgewiesen werden,
- Deutschen Ordensangehörigen kann der Aufenthalt an bestimmten Orten polizeilich zugewiesen oder verboten werden.
- nur noch solchen Geistlichen durften kirchliche Ämter übertragen werden, die der Regierung genehm waren.
2. Trotz Jesuitenverbot um 1900 Patres in Berlin.
Die meisten Gesetze der Kulturkampfzeit bleiben jahrzehntelang in Kraft; wenigstens auf dem Papier. Ein sg. Kanzelparagraph z.B. wird erst 1953 durch den Dt. Bundestag aufgehoben. Zwar wird das Jesuitengesetz 1904 gemildert, doch erst 1917 wird es auf massives Drängen der Zentrumsfraktion gestrichen.Mehrere Motive mögen dabei mitgespielt haben, wenn der Orden trotz vieler Widerstände immer von neuem versuchte, in Berlin Fuß zu fassen: da war die geistige Atmosphäre der Gründerzeit, die im kulturellen Leben der Stadt viele Kräfte in Bewegung brachte u. auch von der Leitung des Ordens als Herausforderung angesehen wurde; die religiöse Lage der Katholiken Berlins, die zwar zahlenmäßig noch eine verschwindende Minderheit bildeten, aber durch steten Zustrom vor allem aus dem kath. Hinterland (Schlesien, Ermland, auch Posen und Westpreußen) kontinuierlich am Wachsen war. Im Nachhinein läßt sich wohl sagen: auch die Verantwortlichen des Ordens konnten und wollten sich nicht der Faszination entziehen, die von der explosionsartigen Entwicklung der Stadt ausging, die vor allem durch die Industrialisierung in Gang gekommen war.
Die ersten Patres, P. Fäh und Graf Hoensbroech (letzterer wird später den Orden verlassen und zu einem erbitterten Jesuitengegner werden)helfen zunächst in den neu gegründeten Pfarreien Herz-Jesu (Mitte) und Rixdorf/ St.Clara. (4) Sie sind nur einige Monate in Berlin. Doch das Eis ist gebrochen, und von 1893 an sind ständig einzelne oder mehrere Jesuiten in der Stadt, sei es zum Zweck des Studiums an der Uni oder um pastorale Aufgaben zu übernehmen. 1900 beziehen 2 Patres im Hedwigskrankenhaus in der Großen Hamburger Straße eine Wohnung: die Anfänge einer Jesuitenkommunität in Berlin.(5) Noch galt zwar das von der Regierung verhängte Jesuitenverbot, und die Patres mußten sich umsichtig verhalten. Hin und wieder gab es auch mal Angriffe in der Presse; aber die Zahl der Jesuiten, die in die Stadt geholt wurden, wuchs ständig. In den Berichten des Delegaten von Breslau nach Rom wird immer wieder betont: das seelsorgliche Wirken der Patres sei ein Segen für das ganze Gebiet, eine große Hilfe auch für den Klerus, weil sie durch Exerzitien, Standesvorträge, seelsorgerische Beratung und Aushilfen in Berlin und Umgebung überall bekannt seien.(6)
3. Anfänge von St. Clemens
Schon seit längerer Zeit existierte in der Wilhelmstraße 122 ein Haus des Gesellenvereins (Kolping) mit einer Hauskapelle. 1908 konnte der ganze Häuserblock zwischen Wilhelmstraße und Königgrätzer Straße erworben werden; man baute eine dem hl. Clemens Maria Hofbauer geweihte Kirche; der Münsteraner Priester Clemens Graf Galen übernahm 1908 diese neu errichtete Gemeinde in unmittelbarer Nähe von Regierungsviertel und Anhalter Bahnhof. Als ehemaliger Student von Innsbruck war er, ähnlich wie sein Vetter Konrad Graf Preysing, ein großer Freund des Ordens; er sorgte dafür, daß neue Patres an seine Kirche und ins Gesellenhaus kamen; und als 1917 das Jesuitenverbot aufgehoben wurde, die Einschränkungen für die Tätigkeit des Ordens hinfällig wurden, konnte in der Königgrätzer Str. auch mit staatlichem Einverständnis offiziell die erste Niederlassung der Jesuiten in Berlin gegründet werden.(7) Auch die Kuratie von St.Clemens wurde dem Orden übertragen, während Clemens Graf Galen als Pfarrer die Kirche und Gemeinde St.Matthias am Winterfeldplatz übernahm.Nur am Rande sei erwähnt, schon vor Ausbruch des Ersten Krieges hatten sich einflußreiche Laien mit Jesuiten zusammengetan, um am östlichen Stadtrand ein Grundstück zu erwerben mit dem Ziel, dort ein Exerzitienhaus zu errichten. Doch erst 1920 konnte das Unternehmen beendet werden. Im Oktober 1920 fand der erste Kurs in Biesdorf statt. (8)
4. Charlottenburg
Bernhard Lichtenberg, seit 1913 Pfarrer der einzigen, mehr als 30000 Katholiken zählenden Pfarrei in Charlottenburg, entwickelte Ende des Krieges Pläne, um diesen Bezirk pastoral neu zu strukturieren. Mehrere Ordensgemeinschaften bat er um Hilfe. Jesuiten und Karmellianer waren die ersten, die sich zur Mitarbeit bereit erklärten. Pater Rembert Richard, bis 1921 Vizeprovinzial der damals noch einzigen deutschen Provinz mit Sitz in München, war bereit, nach Berlin zu kommen, erklärte aber gleich zu Beginn: der Orden verfolge mit dieser Entscheidung auch das Ziel, in Berlin ein Kolleg zu gründen. Von Anfang an sollten Pfarrei u. Kolleg den Namen des hl. Petrus Canisius tragen (dieser als zweiter Apostel Deutschlands bezeichnete Jesuit war 1925 heiliggesprochen und zum Kirchenlehrer erklärt worden).Im Bescheid des Kultusministers von 1925 heißt es, es werde "im Interesse des konfessionellen Friedens [...] als erwünscht bezeichnet, daß bei der Wahl des Namens für die neue Schule auf die Empfindungen der evangelischen Bevölkerung Rücksicht genommen" werde. Am 15/16.November 1921 feierte der erste Kuratus der neu errichteten St.Canisiusgemeinde, P.Remb. Richard, im Hause Neue Kantstr.2 zum ersten Mal die Heilige Messe. 30 Jahre später wird P.Paul Mianecki, der erste Rektor des Canisius-Kollegs nach dem 2.Weltkrieg,im Rückblick auf die Anfänge in Charlottenburg schreiben:"Es hat sehr klein und unter großen Schwierigkeiten angefangen. P. Rembert Richard und Bruder Valder, diese angeblich so reichen Jesuiten, zogen im November 1921 auf einem Handwagen ein paar geschenkte Möbelstücke vom Hedwigskrankenhaus zur Neuen Kantstraße, wo im Erdgeschoß eine kleine Kapelle eingerichtet worden war und die Arbeit an der neu errichteten Kuratie beginnen sollte. Von Anfang an plante P.Provinzial Bley mit der Übernahme dieser Seelsorgsaufgabe auch die Errichtung einer kath. Schule, angeregt durch Weihbischof Dr.josef Deitmer und tatkräftig unterstützt durch den damaligen Pfarrer Bernhard Lichtenberg, der bis zum Ende seines Lebens ein Freund und F6rderer unseres Kollegs geblieben ist. Wer freilich in späteren Jahren vom Bahnhof Charlottenburg kommend, dieses Kolleg suchen ging, der stand in der Neuen Kantstr. vor einem verschlossenen, eisernen Tor, hinter dem ein unansehnliches barackenartiges Fabrikgebäude lag, das unmöglich eine Schule mit 500 Jungen sein konnte u. es doch war... Das Dach war so undicht, daß P.Schoemann bei starkem Regen mit dem Regenschirm im Zimmer sitzen mußte. Aber erstaunlich schnell fanden die ersten Patres sich in diesen wenig erfreulichen Verhältnissen zurecht." (9)
Ostern 1925 eröffnete also das Gymnasium mit zwei Sexten, je 28 Jungen. Ostern 1934 das Erste Abitur, von den 16 Abiturienten erhalten 14 die Hochschulreife. Zwei Jahre danach (14.8.36) erhält die Schulleitung die Benachrichtigung, das Gymnasium sei stufenweise abzubauen, da "[...] ein Bedürfnis für die von Ihnen geleitete Schule nicht mehr anerkannt werden kann." Mit dem Verbot, von diesem Zeitpunkt an neue Schüler aufzunehmen und der Anordnung, auch keine Oberstufe mehr zu führen, ist die Schule zum Sterben verurteilt. Oktober 1938 dann das endgültige Todesurteil: die Abt. für Höheres Schulwesen beim Stadtpräsident Berlin teilt dem Schulträger mit: "[...] daß der Abbau der konfessionellen privaten Schulen so durchzuführen ist, daß diese Schulen Ostern 1940 geschlossen werden... gez. Hübner" (10)
Während der 15 Jahre, die das Gymnasium am Lietzensee bestand, wurde es von insgesamt 1.332 Schülern besucht; 143 haben in dieser Zeit das Abitur bestanden, 237 der ehemaligen Schüler sind nicht aus dem 2. Weltkrieg zurückgekehrt. 16 Patres und 52 Nichtjesuiten haben in diesen Jahren als Lehrer unterrichtet.- Am 16.März '40 feiert Bischof v. Preysing mit der Kollegsgemeinschaft den letzten Gottesdienst. Er schließt mit dem zunächst zaghaft gesungenen "Großer Gott. wir loben dich". Doch der Gesang wird immer stärker, so daß ein Zeitzeuge später berichtet: "es brauste gewaltig durch die Kirche, [...] mit diesem öffentlichen Bekenntnis schloß das Gymnasium am Lietzensee". Weiter wird berichtet: Als die Patres dann das Kolleg räumten, soll ein Knabe keß bemerkt haben: "Na, vielleicht können wir doch bald wiederkommen". Ganz gewiß konnte auch er nicht ahnen, mit wieviel Blut und welch hohen Schuttbergen eine solche Rückkehr bezahlt werden mußte.
In den Abendstunden des 16. Dezember 1943 werden die Gebäude von einer Luftmine getroffen und völlig zerstört. Ein Jesuit, Bruder Fantin, wird von der Mine zerfetzt, ein zweiter, Georg Muschiol, verliert bei diesem Angriff ein Bein. Er lebt noch heute im Altenheim in Kladow u. ist dort zusammen mit P. Matzker einer der letzten Zeitzeugen, die diese Kriegsjahre als Jesuiten in Berlin erlebt haben.
Noch einmal sei es erlaubt, einen Sprung zurück zu tun, um wichtige Stationen auf dem Weg der Berliner Jesuiten wenigstens zu erwähnen. 1931 errichtet der General der Gesellschaft Jesu, Pater Ledochwski, die Ostdeutsche Jesuitenprovinz mit Sitz in Berlin. Erster Provinzial dieser Provinz wird P. Bernhard Bley. (11) (Die "Ostprovinz" besteht bis zum Jahre 1978; dann wird sie wieder mit der Norddeutschen Provinz vereinigt). Die Darstellung jesuitischer Aktivitäten in Berlin erschöpft sich also auch in der Vorkriegszeit keineswegs mit der Beschreibung der Ereignisse am Gymnasium. Die Canisius-Gemeinde entfaltet in dieser Zeit selbstbewußt ein eigenständiges Gemeindeleben. Wie ich hoffe, wird die Festschrift, die ja noch in Vorbereitung ist, gerade auch diese Phase der Gemeindegeschichte lebendig werden lassen. Vor allem die Beiträge aus der sogenannten "Jugendchronik" (aus der Feder der PP. Matzker u. Michalke) dürften als Zeitzeugenberichte besonderen Reiz besitzen. Eine Kostprobe brachten ja schon vor 15 Jahren die "Streiflichter aus dem Gemeindeleben" (12) die 1981 über die Repressionen während der Nazizeit berichteten, von Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, von der Verhaftung des P. Bruno Schmidt und mehrerer Jugendlicher, die man zunächst am Alex verhörte, aber bald wieder laufen ließ. Doch P.Schmidt wurde nach zweijähriger Gefängnishaft, ähnlich wie Prälat Lichtenberg, ins KZ Dachau überstellt. Am Rand die Bemerkung: dort traf er u.a. mit noch 7 deutschen und vielen ausländischen Mitbrüdern zusammen; insgesamt 96 Patres, Brüder und Scholastiker; allein 69 Polen. 31 kamen in Dachau zu Tode, die meisten starben an Hungertyphus. - Erwähnt werden muß auch, daß noch andere Berliner Jesuiten in diesen Jahren zeitweilig inhaftiert waren: P.Lünenborg, P.Footerer und P.Heinrich Klein; sie gehörten damals zur Residenz von St. Clemens; P.Klein war 1940 nach Schließung des Kollegs dort Kuratus geworden. Die Umstände, die zu ihrer Festnahme führten, können heute kaum noch ermittelt werden. - Genügend Material ließe sich zusammentragen, wollte man allein diese Jahre 1940-50 zum Gegenstand einer eigenen Untersuchung machen. Neben der bereits erwähnten "Jugendchronik" existieren ja auch noch die nüchternen Aufzeichnungen des seit 1940 in Canisius amtierenden Kuratus P.Paul Gocke. Diese berichten u.a. ausführlich über die Gemeindesituation in den Wochen des Kriegsendes.
5. Neuanfang nach dem Krieg: im Tiergarten
Die Zeit ist geprägt von der starken Persönlichkeit des P.Heinrich Klein. Schon Juni '45 hatte der bei den zuständigen Besatzungsbehörden der Roten Armee die Genehmigung erwirkt, das Canisius-Kolleg wieder zu eröffnen. Kein Schulgebäude war vorhanden. Mit unsäglicher Mühe suchte er von überall her Lehrer und Schüler zu sammeln. Es gelang ihm, bald mit 100 Schülern, die zunächst in 5 Gruppen eingeteilt über die ganze Stadt verstreut waren, zu beginnen. Ab 1.Oktober 45 wurden diese Gruppen im Gesellenhaus St.Clemens zusammengeführt. Ostern 1946 war die Schülerzahl schon auf 300 angewachsen. Inzwischen war P.Klein auf die Suche nach einem geeigneten Schulgebäude gegangen. Er fand es im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Fa.Krupp in der Tiergartenstraße. Viele sammelten Geld, damit das Gebäude erworben werden konnte. Papst Pius XII. steuerte einen ansehnlichen Betrag bei. Am 1.Okt.47 war der große Umzug: Mit jetzt 495 Schülern begann das Canisius-Kolleg seinen Unterricht im noch total verwüsteten Tiergarten.(13) - Wichtige Stationen des Kollegs in der späteren Entwicklung: 1974 nimmt die Schule Mädchen auf; 1978 werden Pläne für einen Erweiterungsbau erstellt; 1980 kann Kardinal Meisner den erweiterten Schulbau einweihen.6. Die Jahre bis zur Wende (und danach)
Nur in Stichworten seien diese letzten Jahrzehnte in Erinnerung gerufen; viele haben ja die meisten Ereignisse selbst miterlebt:Das Schicksal der Canisiuskirche
20.3.55 eingeweiht, bereits am 13.8.61 wegen Baufälligkeit geschlossen, Wiederaufbau; am 27.April 65 neue Einweihung; durch Brand zerstört am 30.4.1995; Neubau eingeweiht am 28.06.2002.Der Bau des Ignatiushauses
Eigentümer des Grundstücks Neue Kant 2 war die Kirchengemeinde Herz-Jesu. Der Kirchenvorstand wollte dieses Grundstück den Jesuiten überlassen, doch Bischof Weskamm widersprach. P.Provinzial Wehner erfuhr davon, daß das Eckgrundstück Neue Kant/Suarezstr. zu erwerben war. Die Provinzleitung kaufte es, baute ein Gebäude für Kommunität und Provinzialat: am 7.5.57 konnte der neue Berliner Bischof Döpfner das Haus einweihen. Seither gingen zahlreiche Initiativen von hier aus, meistens angestoßen von markanten Persönlichkeiten: Namen wie P.Tanner, P.Mianecki, v.Stillfried, Molinski sind nur einige Beispiele. "Werke", die hier beheimatet sind: die Offene Tür, Kath. Glaubensinformation, die Christliche Glaubens- und Lebensschule St.Ignatius; viele Jahre hindurch gehörten zum Hause Patres, die in der Studentenseelsorge arbeiten, im Bereich der Religionspädagogik und als Professoren an der FU. Als jüngster Zweig wurde im IGH vor einigen Monaten ein Büro des Jesuit Refugee Service eingerichtet, zu dem 3 Mitbrüder gehören, die in d. Flüchtlings- u. Asylantenarbeit engagiert sind. Zur Homepage des Ignatiushauses.Das Peter-Faber-Kolleg
kam 1960 als Noviziat der damals noch existierenden Ostdeutschen Provinz vom Jakobsberg bei Bingen nach Berlin-Kladow, ans Schwemmhorn; 1970 werden die Noviziate der Ost- u.Westdtsch. Provinz zusammengelegt, zuerst in Kladow; dann in Münster. Seit 2003 sind alle Novizen im einen deutschsprachigen Noviziat in Nürnberg. Das Peter-Faber-Kolleg war bis vor einigen Jahren der Ort, wo die Mitbrüder am Schluß der Ordensausbildung das Dritte Probejahr, das "Tertiat" absolvieren. Die Kranken- und Pflegestation d. Hauses wurde 1980 ausgebaut, so daß heute dort gewöhnlich zwischen 25 und 30 Mitbrüder leben."Jüngster" Standort
einer Jesuitenkommunität in Berlin ist der Kreuzberg. Dort lebt seit 1979 eine kleine Gruppe von Jesuiten in einer Wohngemeinschaft, um - inspiriert vom Geist der letzten Generalkongregationen - durch das Zeugnis gelebter Solidarität mit Armen und Ausgegrenzten in besonderer Weise einzutreten für Glauben und Gerechtigkeit in dieser Stadt.Eine Bemerkung zum Schluß
Geschichte der Jesuiten in Berlin - eine höchst wechselreiche Geschichte von nicht ganz 200 Jahren; mehr als 50 Jahre davon auch noch offiziell verboten. Ich sagte zu Beginn: der Orden habe sich offensichtlich schwer getan mit dieser Stadt. Das kam auch darin zum Ausdruck, daß Mitbrüder in dieser Stadt auch ins Gefängnis geworfen wurden - nicht nur in der Nazizeit! Nicht vergessen seien die 4 Mitbrüder, die im Sommer 1958 in Biesdorf verhaftet wurden, für die man einen Schauprozeß inszenieren wollte, doch trotz langer Verhöre konnte man ihnen nur Bagatellvergehen nachweisen. Trotzdem wurden sie zu Haftstrafen zwischen 2 und 4 Jahren verurteilt. (16). Es sollte auch noch erwähnt werden, daß Berlin jener Ort ist, wo unser Mitbruder Alfred Delp mit seinen Freunden aus dem Kreisauer Kreis als Märtyrer am Galgen gehängt wurde. Und vor den Toren der Stadt, im KZ Sachsenhausen, war Rupert Mayer 8 Monate inhaftiert.Wenig spricht dafür, daß sich die Jesuiten in Zukunft mit dieser Stadt leichter tun werden. Es kommt nicht darauf an, ob wir uns leichter oder schwerer tun. Entscheidend aber ist, daß Jesuiten auch an diesem Ort das glaubwürdig leben und ins Werk setzen werden, was Ignatius v. Loyola als den Sinn jesuitischer Existenz bezeichnet: den Seelen / Menschen helfen zur größeren Ehre Gottes.
Anmerkungen
(1) L.Jablonski, Geschichte des fürstbischöflichen Delegaturbezirks Brandenburg und Pommern, Breslau 1929, Bd.l S.77(2) zitiert nach: Schuchert/Schütte, die Kirche in Geschichte und Gegenwart, Bonn 1969, S.452
(3) L.Jablonski, a.a.0. Bd.l S.180; Bd.2 S.306 ff.
(4) L.Koch, Jesuitenlexikon, Paderborn 1934, S.196
(5) A.Rothe, Geschichte der Ostdeutschen Provinz der Ges. Jesu als Manuskript gedruckt, Berlin 1967, S. 4
(6) L.Jablonski, a.a.0. Bd.2 S.308
(7) Mitteilungen aus den Deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu Bd.18, S.412f. als Manuskript gedruckt
(8) A.Rothe, Geschichte der ... S.7
(9) P.Mianecki, in: "Unsere Schule" Jahrbuch des Canisius-Kollegs, Jahrgang 1950.
(10) A.Rothe, Geschichte der ... S.S.13-15
(11) aus Festschrift: 70 Jahre Canisius-Kolleg, Berlin 1995, S.24-27
(12) Streiflichter und Erinnerungen, 60 Jahre St.Canisius, als Manuskript gedruckt Berlin 1961, S.6+7
(13) aus Festschrift: 70 Jahre Canisius-Kolleg, Berlin 1995, S.28-31
(14) A.Rothe, Geschichte ... Teil 2, S.25
(15) A.Rothe, Geschichte ... Teil 2, S.28
(16) Anhang zu A.Rothe, Geschichte ... Teil 2: "Der Jesuitenprozeß", aus: Petrusblatt Berlin, 11. Jan. 1959